Haus als Spiegel der Stadtgeschichte.
Mit dem Erweiterungsbau wird das preisgekrönte Miltenberger Stadtmuseum
noch größer und schöner

Das Haus selbst ist das Museum - dieses Grundkonzept für das Stadtmuseum Miltenberg prägt auch die Erweiterung durch die beiden angrenzenden Fachwerkhäuser. Die Erweiterung umfasst ein Doppelhaus mit identischen Grundrissen: Auf vier Stockwerken verteilen sich 22 Räume; von den Eingangshallen bis zum Dach rund 400 Quadratmeter Ausstellungsfläche. Mit den beiden Häusern, Marktplatz 173 und 175, wächst das Museum der Stadt Miltenberg auf insgesamt 1400 Quadratmeter Museumsfläche und steigt damit in die Klasse der »größeren« Einrichtungen auf.
Nach zweieinhalb Jahren intensiver Arbeit hatten zum Jahreswechsel die Bauhandwerker die Fachwerkhäuser aus dem 16. Jahrhundert verlassen, an der Inneneinrichtung und der Präsentation der Sammlungen wurde buchstäblich bis zur letzten Minute gearbeitet.

Reise durch vier Jahrhunderte
Weil Miltenbergs Stadtoberhaupt, Bürgermeister Joachim Bieber, bereits beim Neujahrsempfang einen ehrgeizigen Termin für die Einweihung gesetzt hatte, gab es in Hermann Neuberts Büro einen genauen Fahrplan mit vielen Stationen auf dem Weg zur Eröffnung der Museumserweiterung. Die Zeit war kurz und die Reise weit: Sie sollte durch vier Jahrhunderte führen. »Leben und arbeiten in einer neuzeitlichen Stadt« ist das zentrale Thema der neuen Ausstellungen.
Vom Wandel und von Veränderungen erzählt das Doppelhaus in seiner Fassade und seinem Räumen: Die Besucher werden auf ein Renaissance-Zimmer stoßen, finden aber auch barocke Stuckdecken und eine »schwarze Küche«.
»Hier wollen wir zeigen, dass sich beim Thema Kochen seit dem Mittelalter über Jahrhunderte nichts geändert hat«, erzählt Neubert: Offenes Feuer unter einem weiten Rauchfang machte die Küchen zu rußig-schwarzen Kammern voller Schmutz und Rauch. Im Nachbarhaus werden die Museumsbesucher dann in die »weiße Küche« geführt, die neben Elektroherd und Eisschrank viele Vorläufer all der mechanischen Haushaltshelfer enthält, die heutigen Hausfrauen das Arbeiten erleichtern. Beide sind in jenen Räumen, in denen die Bewohner der vergangenen Jahrhunderte tatsächlich kochten.
Wo immer möglich, knüpfen die Sammlungen und Ausstellungsgegenstände an die Museumsgebäude an oder stehen im Bezug zur Stadt. So hat das Museum ein komplettes Biedermeier-Zimmer geschenkt bekommen, das ursprünglich aus Miltenberg stammte. Hierher werden die Möbel zurückkehren, können aber zur Eröffnung noch nicht gezeigt werden. Sie sind im Privatbesitz einer sehr alten Dame, die in München wohnt , das Zimmer aber schon jetzt testamentarisch der Stadt vermacht hat.

Authentisch und amüsant
Authentisch, miltenbergerisch, farbig und amüsant sind auch die Erinnerungen des inzwischen verstorbenen Heinrich Berdami, der als Nachbar aus der Zeit erzählt, als die Museumshäuser als städtisches Armenhaus genutzt wurden. Vom Tonband können sie Museumsbesucher hören, dabei einen Blick aus dem Fenster auf Berdamis Hof werfen und erfahren, warum der ein wenig ansehnliches Flachdach trägt: Weil die »Armenhäusler« stets ihre in Zeitungspapier verpackten Fäkalien in den kleinen Nachbargarten warfen.
Auch Fachwerkgeschichte soll das Museum erzählen: Am Beispiel der Gebäude mit ihrem Umbauten ebenso wie an den Nachbarhäusern. »In der Altstadt finden sich Beispiele aus sechs Jahrhunderten - als Fachwerkstadt ist Miltenberg ziemlich einmalig«, findet Neubert.
Wie beim Fachwerk hat der Museumsleiter bei fast jedem Ausstellungsstück Anknüpfungspunkte an die Stadtgeschichte, an Miltenberger Persönlichkeiten, Besonderheiten oder gesellschaftliche Entwicklungen gefunden, die erzählt oder erläutert werden mussten. Dabei hatte Neubert den Ehrgeiz, seine Besucher nicht mit voluminösen Texttafeln zu langweilen oder gar zu vergraulen. Dass ihm dieser Spagat gelungen ist, zeigt ein Gang durch den Erweiterungsteil.

Mit Überraschungseffekten
»Der neue Teil sollte dem alten, preisgekrönten nicht nachstehen, er sollte noch etwas besser werden«, hatte sich Neubert vorgenommen und dazu die Präsentation modernisiert und mit einigen Überraschungseffekten angereichert.
Besondere Mühe hat er dabei auf den Rundgang verwandt. Schon im alten Haus verirrten sich Besucher gelegentlich im Durcheinander der Treppenaufgänge, Räume, Gänge und Verbindungen. Jetzt sind es noch einmal 22 Zimmer mehr.

Georg Kümmel in:  2006/ Nr. 136 (15./ 16. Juni 2006), Sonderbeilage zur Eröffnung der Museumserweiterung

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