»Bis der Schweiß nach Noten stinkt«

Joseph Martin Kraus (4):
Der schwedische Kapellmeister entdeckt Europa

Was Joseph Martin Kraus als schwedischer Hofkapellmeister bewirkte, ist Gegenstand des vierten Teils unserer Serie über den in Miltenberg geborenen Komponisten.
Kraus hatte tief in die Trickkiste greifen müssen, um seine Eltern von der Reise nach Schweden zu überzeugen. Ihnen war nicht wohl bei dem Gedanken, ihr Sohn würde Musiker werden, und das ausgerechnet in einem protestantischem Land. Er habe bereits eine gute Stelle in Stockholm in Aussicht, schwindelte der 21-jährige Student 1778 in seinen Briefen. Außerdem gebe es in Stockholm um die 10000 Katholiken. Nichts davon stimmte.
Vielmehr gestaltete sich Kraus' Start in der Ferne sich schwieriger, als er es sich und anderen eingeredet hatte hatte. Immer wieder musste er seine Eltern um Geld bitten: »Ich bin eine lebendige Hypothek«. Der Durchbruch gelang ihm erst 1781, drei Jahre nach seiner Ankunft. Kraus zeigte seine Oper »Proserpin« - der schwedische König Gustav III. war begeistert und machte ihn zum Kapellmeister. Für das neue Opernhaus in Stockholm verfasste Kraus das Stück »Aeneas in Karthago«.
Die Oper beurteilen Experten heute als das wichtigste Werk des Komponisten. Doch die geplante Uraufführung 1782 platzte: Die verschuldete Primadonna verschwand kurz vor der Premiere aus Angst vor ihren Gläubigern, eine andere Oper kam ins Programm. Erst 250 Jahre nach Kraus' Geburt, am kommenden Wochenende, wird in Stuttgart die Oper uraufgeführt. Dennoch hatte der schwedische König große Pläne mit Kraus. Er schickte ihn kurz nach der geplatzten Premiere auf eine Studienreise durch Europa. Der Kapellmeister sollte sich einen Überblick über die Bühnenkunst verschaffen. Kraus kam viel herum: Dresden und Mannheim, Wien und Bologna, Rom und Neapel, Paris und London lagen auf seiner Route.
Zwei Mal besuchte er während seiner Reise seine Eltern und Geschwister in Amorbach. Dorthin war die Familie nach dem überstandenen Prozess gezogen, sein Vater war zum Amtmann und Oberamtsassessor befördert worden. Für die neu erbaute Sturm-Orgel in der Amorbacher Abteikirche komponierte Joseph Martin Kraus ein »Stella Coeli« - und damit eines der ersten Werke, die eigens für das berühmte Instrument geschaffen wurden.
In Schweden warten indes weitere Aufgaben auf ihn. Nach seiner Rückkehr 1786 befördert ihn König Gustav zum Hofkapellmeister - eine Position, von der andere Komponisten wie Wolfgang Amadeus nur träumen konnten. Das Amt war Segen und Fluch zugleich: Kraus hatte endlich ein gesichertes und gutes Einkommen. Allerdings: »Mein Tag ist reine Zuchthausarbeit«, beschrieb er seine Arbeit. »Das ist eine Singerei und Pfeiferei und Orgeldudeldumdei von morgens bis abends und vom Abend bis zum Morgen, dass mir der Schweiß nach Noten stinkt.«
Ein unerwartetes Ereignis erschütterte die Karriere des Komponisten: Bei einem Maskenball verletzte ein Attentäter König Gustav so schwer, dass dieser wenig später starb. Kraus, der bei dem Fest zugegen war, widmete seinem Dienstherren zwei letzte große Werke: Eine Trauersymphonie und eine Trauerkantate. Zu diesem Zeitpunkt war Kraus selbst schon schwer krank. Seit seiner Göttinger Studentenzeit kämpfte er gegen eine Tuberkulose. Am 15. Dezember 1792 erlag er im Alter von 36 Jahren der Krankheit.
Kraus hinterließ zahlreiche Werke der Kirchen- und Kammermusik, Symphonien, Opern, Lieder. Seinen Freunden bleibt er lange in Erinnerung. Auf seinen Grabstein ließen sie einmeißeln: »Hier ruht das irdische von Kraus. Das Himmlische lebt in seinen Tönen.«
Sabine Dreher in:   2006/ Nr. 143 (24.06.2006)

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