Des Hofkapellmeisters allergrößter Fan

Joseph Martin Kraus (7):
Ein Versicherungsbeamter rührt für Kraus die Werbetrommel


Joseph Martin Kraius (1756 - 1792)Wer vor 100 Jahren in Miltenberg nach Joseph Martin Kraus gefragt hätte, hätte nur ratloses Kopfschütteln zur Antwort bekommen. Von dem Komponisten, der 1756 in einem Barockgebäude am Marktplatz geboren wurde, wusste kaum jemand etwas. Wie der unbekannte Hofkapellmeister schließlich Einzug in Museen und Konzertsäle hielt, beschreibt der siebte Teil unserer Serie.
Seine Entdeckung hat der Komponist Karlheinz Schreiber zu verdanken. Dieser erbte 1903 ein kleines Vermögen von seinem Onkel. Schreiber, ein kleiner Versicherungsbeamter aus Darmstadt, setzte sich zur Ruhe, um sich von der Erbschaft ein schönes Leben zu machen. Doch es kam anders: Schreibers Frau und eine Tochter starben. Der Witwer brachte seine anderen beiden Kinder im Internat unter - und hatte plötzlich viel Zeit.
Der vereinsamte Ruheständler, gerade erst Anfang 40, begann, sich mit einem anderen Teil der Erbschaft zu beschäftigen. Der Onkel hatte ihm neben seinem Vermögen auch etwas vererbt, was sich als mindestens ebenso wertvoll erweisen sollte: Den Nachlass von Schreibers Urgroßmutter Marianne Lämmerhirt, geborene Kraus - der Schwester Joseph Martins. Schreiber stöberte in persönlichen Andenken an den Musiker. Die intelligent frech und impulsiv geschriebenen Briefe beeindruckten den Beamten im Ruhestand: »Da ging mir die Bedeutung des Mannes auf«, berichtete er - ohne zu diesem Zeitpunkt auch nur einen Ton von Kraus' Musik gehört zu haben.
Dennoch wird der Urgroßonkel zum neuen Lebensinhalt des Witwers. Schreiber reiste 1912 für drei Monate nach Schweden, Kraus' einstiger Wirkungsstätte, stöberte in Archiven, kopierte Noten, suchte Kontakt zu Musikwissenschaftlern.
Spätestens jetzt stand für Schreiber fest: An Kraus muss mehr erinnern als ein Grabstein bei Stockholm. Zurück in Deutschland machte er Kraus' Geburtshaus am Miltenberger Marktplatz ausfindig, veröffentlichte einen langen Beitrag über seinen Vorfahren im »Miltenberger Tagblatt«, und bemühte sich, die geerbten Kraus-Andenken der Öffentlichkeit vorzustellen.
Am liebsten wäre Schreiber ein Museum in Miltenberg gewesen. Doch die Stadt winkte ab. Zu dieser Zeit verfügte sie noch nicht über ein Stadtmuseum, in dem diese Gegenstände Platz gefunden hätten; für eine eigene Einrichtung war die Anzahl der Andenken zu gering.
Doch Deutschlands erster Kraus-Fan ließ nicht locker. Er wandte sich im Herbst 1912 an die Stadt Buchen - hier hatte Kraus einen Großteil seiner Kindheit verbracht und als junge Mann seine ersten Kompositionen verfasst. In dem erst ein Jahr alten Bezirksmuseum war noch Platz für Exponate, Museumsgründer Karl Trunzer, selbst ein großer Musikfreund und Gründer des Odenwald-Sängergaus, nahm die Erbstücke gerne auf. Trunzer verband übrigens mehr als nur die Liebe zur Musik mit Joseph Martin Kraus: Er lebte genau in jenem Gebäude, das auch die Familie Kraus in Buchen bewohnt hatte.
Für Karlheinz Schreiber war dies derweil nur der Anfang. Der Urgroßneffe rührte kräftig die Werbetrommel für seinen Vorfahren: Er veröffentlichte Beiträge in Zeitschriften, machte Musiker, Wissenschaftler und Konzertagenturen auf den Komponisten aufmerksam. 1925 brachte Schreiber ein Werke-Verzeichnis heraus, drei Jahre später veröffentlichte er eine Biografie über Josef Martin Kraus - der bislang einzigen, die auf Deutsch erschienen ist.
Jetzt war auch die Musik des Komponisten in deutschen Konzertsälen zu hören. Zunächst wurde vor allem seine Kirchenmusik in Mannheim und Buchen aufgeführt. In den 20er Jahren war Kraus auch in Frankfurt, Berlin, Salzburg und im Rundfunk zu hören. Anfang der 30er Jahre benannte die Stadt Karlsruhe eine Straße nach dem Komponisten.
Die deutschen Kulturschaffenden profitierten dabei von ihren Kontakten nach Schweden, wo die Originalnoten Kraus' bis heute untergebracht sind - bis der Zweite Weltkrieg die Verbindungen unterbrach. Erst um 1956, zu seinem 200. Geburtstag, sollte die Musik wieder eine Renaissance erleben.
Sabine Dreher in: 2006/ Nr. 152 (05.07.2006)

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