»Die Fiedel und 's Lateinische verhunzt«

Joseph Martin Kraus (2):
Ein Leben als Musiker war für Kraus lange undenkbar - Beamten-Karriere angestrebt

Dass Joseph Martin Kraus einmal mit Musik sein Geld verdienen würde, ahnte keiner während seiner Kindheit. Vielmehr sah sein Vater für seinen Erstgeborenen eine Karriere im Kurfürstentum Mainz vor - so wie es ihm selbst gelungen war: Er hatte es vom Stadtschreiber in Amorbach zum Amtskeller, einer Art Landrat, gebracht - zunächst in Osterburken, ab 1761 Buchen. Dass Kraus aber schon als Kind großes musikalisches Talent bewies und wann er sich für ein Leben als Künstler entschied, zeigt der zweite Teil unserer Serie über den Komponisten.
Seine Kindheit verbrachte Joseph Martin mit seinen sechs Geschwistern - sieben weitere starben früh - in Buchen. Die Familie wohnte in genau jenem Haus, in dem heute die Joseph-Martin-Kraus-Gedenkstätte des Bezirksmuseums untergebracht ist.
Kraus war das, was man heute hochbegabt nennt: Mit acht Jahren schrieb er bereits Aufsätze auf lateinisch, sang hervorragend Sopran, verblüffte mit seinem Geigenspiel. Sein Buchener Lehrer Georg Pfister erkannte bald das Talent des Jungen - auch wenn Kraus später launisch berichtete, dass er bei ihm »die Fiedel und 's Lateinische verhunzen lernte«. Pfister schickte den 12-Jährigen an das renommierte Jesuitengymnasium in Mannheim. Dort erhielt Joseph Martin neben Unterricht in Latein und Literatur auch eine musikalische Ausbildung und komponierte erste Stücke für die Gottesdienste in der Jesuitenkirche.
Musik war aber nicht alles, was ihn interessierte. Joseph Martin machte sich als Schüler in Mannheim daran, Gedichte auf deutsch zu verfassen und öffentlich vorzutragen - und das in einer Zeit, in der die deutsche Sprache in der Kunst nicht salonfähig war: Auf den Bühnen wurde französisch gesprochen und italienisch gesungen. Kraus' Engagement für Deutsch als Sprache in der Kunst soll übrigens auch den Boden für einen andern, heute weitaus bekannteren Künstler bereitet haben, der gut ein Jahrzehnt später nach Mannheim kommen sollte: Friedrich Schiller.
Doch noch war Kraus weit von einer künstlerischen Laufbahn entfernt. Auch er selbst dachte nicht im Traum daran. 1773 schrieb er sich im Alter von 17 Jahren an der Universität Mainz ein und bereitete sich zielstrebig auf eine Tätigkeit im Staatsdienst vor: Zusätzlich zum obligatorischen philosophischen Vorstudium hat er vermutlich auch schon Jura-Veranstaltungen besucht - obwohl die erst später auf dem Lehrplan standen.
Als er ein halbes Jahr später an die Universität Erfurt wechselte, begann sich Kraus wieder mehr mit Musik zu beschäftigen. Hier lernte er zu komponieren, ließ sich vor (noch) leeren Notenblättern porträtieren und knüpfte Freundschaften mit musikbegeisterten Menschen.
Seine bisherige Lebensplanung fand allerdings 1775 ein jähes Ende. Kraus' Vater musste sich wegen Korruption vor Gericht verantworten - zu Unrecht, wie sich herausstellen sollte. Der Prozess brachte die Familie an den Rand des Ruins, Joseph Martins Studium und seine berufliche Karriere waren gefährdet. Da fasste der 19-Jährige einen folgenschweren Entschluss: Er wollte sich nicht mehr der Jurisprudenz widmen. Statt dessen wollte er als Komponist sein Glück versuchen.
Sabine Dreher in:  2006/ Nr. 135 (14.06.2006)

 

Template created by Fienieg and modified by stefflein