Ein Geburtstagsfest am Grabstein

Joseph Martin Kraus (9):
Wie die Schweden den Komponisten feiern

Joseph Martin Kraus (1756 - 1792)Während der Komponist Joseph Martin Kraus in Deutschland über hundert Jahre lang unentdeckt blieb, war seine Musik in seiner Wahlheimat Schweden stets präsent. Kein Wunder, dass auch das skandinavische Land den 250. Geburtstag des Hofkapellmeisters gebührend feiert. Was Kraus für die Schweden bedeutet, ist Gegenstand des neunten Teils unserer Serie.
Den meisten Schweden dürfte die Musik Mozarts zwar eher geläufig sein als die von Kraus. Dennoch greifen bei offiziellen Anlässen die Organisatoren immer wieder gerne auf die Werke des in Miltenberg geborenen Hofkapellmeisters zurück, erklärt Carl Tham, schwedischer Botschafter in Deutschland. Auch bei der Hochzeit von König Gustav XVI. und Silvia im Jahr 1976, übrigens einen Tag vor Kraus' 220. Geburtstag, gehörten seine Werke zum Festprogramm. Der Dirigent hatte sich zuvor im Bezirksmuseum Buchen über den Komponisten erkundigt, berichtet Kraus-Experte Helmut Brosch.
Spezialisten wie in Deutschland gebe es bei ihm in Schweden allerdings nicht, berichtet Hans Åstrand. Er bildet jedoch die Ausnahme: Der ehemalige Leiter der königlichen Musikakademie ist gewissermaßen ein Amtsnachfolger des Komponisten aus dem Odenwald. Mit dem US-amerikanischen Professor Bertil van Boer bereitet er eine Kraus-Gesamtausgabe vor.
Tivoli-Halbinsel im Zentrum
Auch zum 250. Geburtstag ihres früheren Hofkapellmeisters haben sich die Schweden einiges einfallen lassen. Im Zentrum der Aktivitäten steht die Stadt Solna, ein Vorort von Stockholm. In deren Stadtteil Bergshamra liegt Kraus auf der Tivolihalbinsel begraben. Vorträge, Ausstellungen und natürlich zahlreiche Konzerte hat die Stadtverwaltung um das Jubiläum herum organisiert.
Während an dem runden Geburtstag am 20. Juni die Miltenberger mit Festakt, neuer Bronze-Statue und Stehempfang dem Sohn der Stadt gedachten, bekam Kraus in Bergshamra einen nach ihm benannten Platz mit einem Gedenkstein. Das war gar nicht so einfach - selbst im Ort seiner letzten Ruhestätte war der Komponist nicht allen Mitgliedern des Gemeindeparlaments bekannt, berichtet Ansgar Firsching. Der gebürtige Aschaffenburger arbeitet als Rechtsanwalt in Stockholm und hilft derzeit deutschen und schwedischen Organisatoren von Kraus-Feierlichkeiten, miteinander in Kontakt zu treten.
Zudem widmeten sich schwedische Musikfreunde der letzten Ruhestätte des Meisters: Rechtzeitig zum runden Jubiläumsjahr war Kraus' Grab renoviert worden. Die Ruhestätte des Komponisten wurde ebenfalls im Rahmen der Geburtstagsfeier enthüllt.
Im Radio wurden mehrere Aufzeichnungen großer Musikereignisse in Deutschland ausgestrahlt - unter anderem die Aufführung der Kraus-Oper »Proserpina« in Schwetzingen. Im September will die schwedische Post eine Sonderbriefmarke mit dem Kraus-Konterfei herausbringen. Zudem hat der Platten-Gigant Naxos sämtliche Werke von Kraus mit schwedischen Musikern aufgenommen.
Eine Verehrerin aus dem skandinavischen Land ist derweil besonders eng mit Joseph Martin Kraus verbunden: Die Musikerin Sara Åsbrink wohnt mit ihrer Familie im so genannten »Kraus Paviljong«, einem Häuschen, von dem lange angenommen wurde, dass auch Kraus dort gelebt habe. Genau ein Jahr vor Kraus' 250. Geburtstag brachte sie eine Tochter zur Welt - und nannte sie Lovisa Eleonora Krausina.
Sabine Dreher in:  2006/ Nr. 158 (12.07.2006)

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