Gerichtsakten, Grundbücher, Staatsarchive

Joseph Martin Kraus (8):

Der Komponist ist längst Gegenstand der Forschung

Joseph Martin Kraus (1756 - 1792)Zweifelsohne war der Versicherungsbeamte Karlheinz Schreiber Joseph Martin Kraus' erster Fan in Deutschland. Der Urgroßneffe des Komponisten machte vor rund 90 Jahren Leben und Werk des Musikers hier zu Lande bekannt. Inzwischen pflegen die Nachfolger Schreibers das Andenken an den in Miltenberg geborenen Komponisten. Von ihnen handelt der achte Teil unserer Serie.
Die Kraus-Renaissance, die Schreiber in den 20er Jahren angestoßen hatte, verlor nach dessen Tod 1933 und im Zweiten Weltkrieg an Dynamik. Erst 1956, zu seinem 200. Geburtstag, erlangte der Komponist wieder Präsenz. Und zwar nicht nur im Konzertsaal: Der damalige Vorsitzende des Buchener Museumsvereins, Emil Baader, richtete in Wirtshäusern in Buchen und Osterburken so genannte Heimat-Stuben mit Info-Schaukästen ein: So erfuhren Gäste bei Bier und Sauerbraten etwas über den Kapellmeister.
Zu den Musikfreunden, die sich heute mit Kraus auseinandersetzen, gehört auch der Buchener Historiker Helmut Brosch. Der ehemalige Gymnasiallehrer hat sich seit den 70er Jahren ein umfangreiches Wissen über Kraus erarbeitet. In detektivischer Kleinarbeit studierte er alte Gerichtsakten in Mainz, spürte Grundbücher in Budapest auf und forschte in schwedischen Staatsarchiven. Bis heute trägt der 83-Jährige Fundstücke zusammen, hält Vorträge und gibt Interessierten gerne Auskunft.
In Buchen hat sich Kraus derweil vom Gast, dessen Andenken sich mit anderen Exponaten das Zimmer teilten, zur Hauptattraktion des Bezirksmuseums gemausert: Zu seinem 200. Todestag 1992 widmete das Museum eine Joseph-Martin-Kraus-Gedenkstätte in so genannten Trunzerhaus in Buchen ein - jenem Gebäude, in dem Kraus als Kind selbst gewohnt hatte. Besucher können dort nicht nur Porträts, Taschenuhr und Hofuniform des Komponisten bewundern, sondern auch in der neu errichteten Hörstation seinen Klängen lauschen.
Forscher finden im Kraus-Archiv der Museums-Bibliothek Noten und deutschsprachige Literatur: »Es gibt im Moment nichts, was wir nicht haben«, erklärt Gerlinde Trunk, Geschäftsführerin der Internationalen Joseph-Martin-Kraus-Gesellschaft. Ihre Organisation vereint einen Kreis von »Krausianer«, der weit über Buchen hinaus reicht. Seit 1982 arbeitet die Gesellschaft daran, den Komponisten der Öffentlichkeit nahe zu bringen. Dem Verein gehören fast 200 Mitglieder an, darunter auch zahlreiche Berufsmusiker und Wissenschaftler.
Die Gesellschaft hat bereits zahlreiche Aufsätze und Bücher über den Komponisten herausgegeben, Treffen von Wissenschaftlern organisiert und Interpretationskurse zur Musik des Kapellmeisters veranstaltet. Demnächst plant sie die Veröffentlichung einer mehrbändigen Kraus-Gesamtausgabe mit allen musikalischen und literarischen Werken. Ende Juli leitet Gerhart Darmstadt, Präsident der Gesellschaft, ein musikwissenschaftliches Symposium in Aschaffenburg, im September ist die Gesellschaft Gastgeber der Kraus-Musiktage in Buchen.
Längst haben Kraus-Freunde wieder Kontakte zu Gleichgesinnten in Schweden geknüpft. Wie die Menschen in Kraus' Wahlheimat seinen 250. Geburtstag feiern, ist in der nächsten Folge zu erfahren.
Sabine Dreher in:  2006/ Nr. 155 (08./ 09. 07. 2006)

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