Im Schatten eines anderen Meisters

Joseph Martin Kraus (5):
Einen »Mozart des Odenwalds« hat es nie gegeben

Joseph Martin Kraus (1756 - 1792)Immer wieder wird Joseph Martin Kraus im selben Atemzug mit einer anderen Musikgröße genannt - und wahlweise als »badischer«, »fränkischer«, »schwedischer« oder »odenwälder Mozart« bezeichnet. Warum Experten das gar nicht passt, erklärt der fünfte Teil unserer Serie über den Komponisten, der vor 250 Jahren in Miltenberg geboren wurde. Sicher, der Vergleich mit Mozart ist äußerst bequem: So lässt sich mit einem Wort das herausragende musikalische Talent Kraus' ausdrücken. Und schließlich gibt es einige Parallelen im Leben der beiden Musiker. Sowohl Joseph Martin Kraus als auch Wolfgang Amadeus Mozart wurden im Jahr 1756 geboren. Beide wurden fast gleich alt: Mozart starb 1791, Kraus ein Jahr darauf.
Eine weitere verblüffende Gemeinsamkeit: Sowohl Mozart als auch Kraus verfassten kurz vor ihrem Tod ein bedeutendes Werk für eine Beerdigung.
Bei Mozart war es das unvollendete Requiem in d-Moll. Kraus schrieb zu Ehren seines Förderers, dem schwedischen König Gustav III., eine Trauersymphonie und eine Trauerkantate. Außerdem hinterließ jeder der Komponisten einen bleibenden Eindruck bei Giovanni Battista Martini, dem großen Musiktheoretiker jener Zeit. Beide hatten im Lauf ihres Lebens »Padre Martini« in Bologna besucht, dieser wünschte von jedem ein Porträtbild. Kraus ließ sich noch in Bologna von Antonio Pomarolli malen - das Bild ist heute das am meisten gezeigte Porträt des Komponisten.
Doch damit ist die Liste der Gemeinsamkeiten auch schon zu Ende. Mozart und Kraus komponierten sehr unterschiedlich, betont der Cellist Gerhart Darmstadt, Musik-Professor in Hamburg und Präsident der Internationalen Joseph-Martin-Kraus-Gesellschaft Buchen. Kraus komponierte oft innige, langsame und spannungsreiche Stücke. »Kraus' Musik ist längst nicht so formal, aber mindes
tens genau so inhaltsreich«, fasst Darmstadt den Unterschied zusammen. Den Vergleich mit Mozart hat Kraus nicht nötig: »Er wirkt durch sich selbst«.
Ob sich die Komponisten jemals persönlich begegnet sind, wird wohl für immer ein Rätsel bleiben. Dokumentiert ist ein Treffen jedenfalls nicht. Auch Kraus-Experte Darmstadt hält es für unwahrscheinlich. Kraus hielt sich 1783 zwar für mehrere Monate in Wien auf und wohnte nur wenige Häuser von Mozart entfernt. Besucht haben muss er ihn deswegen noch lange nicht: »Man ging damals nicht gleich zum Nachbarn und sagte:
»Hallo, hier bin ich!«, vermutet Darmstadt. Kraus war zudem mehr an Kontakten zu seinem Vorbild Christoph Willibald Gluck interessiert. Davon abgesehen, hatte Mozart zu dieser Zeit andere Sorgen: Seine Frau hatte kurz zuvor Sohn Rainhold Leopold geboren, die junge Familie reiste nach Salzburg, wo das Baby starb.
Gewusst werden die beiden voneinander haben, ist sich Darmstadt sicher. Kraus traf
sich mehrmals mit Joseph Haydn, der wiederum in Kontakt zu Mozart stand. Umgekehrt hielt Kraus sich auch über die Arbeit Mozarts auf dem Laufenden. Er sah in Paris Mozarts »Entführung aus dem Serail«, empfahl seiner Schwester Mozarts Klavierstücke, bearbeitete einen Marsch Mozarts und schrieb nach dessen Tod einen Nachruf.
»Doch in Kraus' Aufzeichnungen kommen andere Komponisten besser weg«, betont Darmstadt. Das änderte freilich nichts daran, dass heute Mozart in aller Munde und Ohren ist. Von dem Miltenberger Joseph Martin Kraus und seiner Musik wusste in Deutschland lange Zeit niemand etwas.
Sabine Dreher in:  2006/ Nr. 146 (28.06.2006)

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