Kein Kind von schlechten Eltern

Joseph Martin Kraus (1):
Die Miltenberger Wurzeln des Komponisten

Joseph Martin Kraus (1756 - 1792)Joseph Martin Kraus stammte zwar nicht aus einer Künstlerfamilie. Aber er war kein Kind von schlechten Eltern. Von ihnen handelt der erste Teil unserer Serie über den Komponisten, der vor 250 Jahren in Miltenberg geboren wurde.
Kraus' Eltern waren bürgerlich, aber wohlhabend genug, um ihren Kindern eine musische Ausbildung an einer renommierten Schule und ein Studium zu ermöglichen. Auch im Verlauf seines späteren Lebens griffen sie Joseph Martin immer wieder finanziell unter die Arme. Kraus' Mutter Anna Dorothea war Tochter von Johann Martin Schmitt - einer bedeutenden Miltenberger Persönlichkeit. Der Senator der Stadt Miltenberg errichtete als Kirchenbaumeister mehrere Kirchen in der Umgebung, unter anderem in Mönchberg und vermutlich auch in Trennfurt. Und schließlich sorgte der familieneigene Steinbruch der Schmitts am Mainknie für einen gewissen Wohlstand.
Großvater Johann Martin Schmitt war es auch, der das prächtige Sandsteinhaus am Miltenberger Marktplatz errichtete, in dem Joseph Martin Kraus zur Welt kam. Demnächst erinnert eine Statue auf dem Miltenberger Marktplatz an den Geburtsort des Künstlers. Sie wird am 20. Juni, dem Geburtstag des Komponisten, enthüllt.
Joseph Martin Kraus selbst feierte übrigens seinen Geburtstag erst vier Tage später, am 24. Juni - »weil Johannes ein großer Mann war«, erklärte er einmal. Es ist der Namenstag seines Großvaters Johann. Dem Baumeister zu Ehren gab es wohl ohnehin ein größeres Fest, vermutet der Miltenberger Stadtschreiber Wilhelm Otto Keller, da habe der Enkel eben gleich mitfeiern dürfen.
Lange blieb der kleine Joseph Martin freilich nicht in Miltenberg. Kurz nach der Geburt zogen Mutter und Kind nach Amorbach. Dort hatte sich sein Vater Joseph Bernhard Kraus zum Stadtschreiber hochgearbeitet. Drei Jahre später wurde er als Amtskeller des Kurfürstentums Mainz nach Osterburken und kurz darauf nach Buchen berufen - das Amt entspricht heute in etwa dem eines Landrats. Ab 1783 war Vater Kraus in Amorbach Amtmann und Oberamtsassessor.
Von der Familie gibt es noch Spuren in der Region. Joseph Martin Kraus' Großvater Rupert Kraus gründete in Weilbach eine Brauerei. Außerdem gehörte ihm die Wirtschaft »Zum goldenen Hirschen«. Das alte Gebäude wurde zwar um 1850 abgerissen, allerdings wurde an genau der selben Stelle die das Gasthaus »Zum Hirschen« errichtet. Und was verband den Musiker, der als junger Mann nach Schweden auswanderte, mit seiner Heimat? In manchem Brief schrieb Kraus vom »finsteren Odenwald«. Doch zu Besuch kam er gerne dorthin, nicht zuletzt deshalb, weil er ein inniges Verhältnis zu seinen Eltern und jüngeren Geschwistern hatte.
Ein bisschen gefallen hat es ihm dort wohl doch. »Ein manches lockende Büschchen, manch einladendes Ruheplätzchen, und manches ehrwürdige Stück Felsen, bis wir oben sind«, erinnerte er sich knapp zwei Jahre vor seinem Tod sehnsüchtig an eine Wanderung mit seiner Schwester auf den Weilbacher Berg. »Wie wir da stehen, seh ich gerade so in Gottes Welt hinein.«
Sabine Dreher in:   2006/ Nr. 132 (10.06.2006)

 

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