Lieber darben, als um Unterhalt kriechen

Joseph Martin Kraus (3):
Warum sich der Komponist von Deutschland
abwandte

Joseph Martin Kraus (1756 - 1792)Ein unglücklicher Umstand brachte Joseph Martin Kraus letzten Endes dazu, sein Leben der Musik zu widmen. Hiervon handelt der dritte Teil unserer Serie über den Komponisten aus dem Odenwald.
Kraus' Vater Joseph Bernhard, Amtskeller von Buchen, wurde 1775 aufgrund einer Intrige wegen Amtsmissbrauchs angeklagt. Mehrere Bürger warfen dem Beamten vor, Bußgelder für alle möglichen nichtigen Taten kassiert zu haben. Der Amtskeller habe das Geld für sich behalten und nicht an das Mainzer Kurfürstentum weitergeleitet, behaupteten die Kläger und verlangten die angeblich zu Unrecht bezahlten Summen zurück.
Vater Kraus stürzte das in eine Krise: Auf Grund der Vorwürfe wurde er vom Dienst suspendiert, die Rückzahlungen brachten ihn an den Rand des Ruins. Immer mehr Menschen kamen auf die Idee, sich durch eine Klage zu bereichern. Schließlich hatte Kraus' Vater über 85 Verfahren am Hals.
Auch für Joseph Martin war der Prozess eine Katastrophe - nicht nur, weil er sein Studium in Erfurt unterbrechen und nach Buchen zurückkehren musste. Bislang hatte er an eine von Gott eingesetzte Obrigkeit geglaubt, die Gutes belohnt und Böses bestraft, vermutet der Buchener Kraus-Experte Helmut Brosch. Durch den Prozess musste Joseph Martin das Gegenteil erfahren. Erst Jahre später wurden die meisten Verfahren eingestellt, allerdings wurde sein Vater nach Königstein im Taunus strafversetzt und musste eine Geldstrafe bezahlen.
Zwei bedeutsame Folgen hatte diese Erfahrung für den erst 19-Jährigen Joseph Martin Kraus: Zum einen hatte er während seines Aufenthaltes in Buchen Zeit, sich der Kunst zu widmen: Er machte seinem Frust in dem Stück »Tolon« Luft, ein hitziges Trauerspiel über Fürstenmacht und Hofintrigen. Außerdem komponierte er zahlreiche Musikstücke. Fast sein ganzes kirchenmusikalisches Werk entstand in dieser Zeit - freilich auch, weil Buchen zu dieser Zeit nicht über ein weltliches Orchester verfügte. Ein Te Deum, eine Motette, und zwei Oratorien sind unter anderem aus dieser Zeit überliefert.
Die andere Konsequenz des Prozesses: Kraus' Verhältnis zur Obrigkeit hatte sich geradezu ins Gegenteil verkehrt. Galt er auf dem Mannheimer Jesuitengymnasium noch als Musterschüler »mit dem Gemüt eines Engels«, stellte er nun Autoritäten in Frage. Als Student in Göttingen, wo er 1776 nach halbwegs überstandenem Prozess sein Studium fortsetzte, griff er in einer bitterbösen Satire die Verhältnisse seiner früheren Universität Mainz an und verfasste eine provokante, aber sehr fundierte Streitschrift »Etwas von und über Musik fürs Jahr 1777«.
Ein Jura-Examen legte Kraus nicht ab. Er glaubte nicht mehr an die Kraft der Gesetze. Statt dessen beschloss er, sich ganz der Musik zu widmen. »Kraus wollte die Menschen in ihrem Innersten berühren«, erklärt Experte Brosch. Als tief religiöser Mensch sah er es als seine Pflicht an, seine Begabung zu nutzen.
Dem Kurfürstentum Mainz wollte Kraus nicht mehr dienen, schon gar nicht als Jurist. »Lieber, als dass ich um meinen Unterhalt kriechen und Despoten Füße lecken soll, will ich darben«, schreibt er aufgebracht an seine Eltern. »Meinem Vaterlande bin ich keinen Dank schuldig. Patriotismus ist eine Torheit, und lange ist der letzte Funke verglüht.«
Sein schwedischer Kommilitone Carl Stridsberg überredete ihn zu einem gewagten Schritt: Kraus sollte nach Stockholm ziehen und dort dem König Gustav Adolf III. seine Dienste anbieten. 1778 machte sich Kraus auf den Weg in die Ferne. Es sollte nicht seine letzte große Reise sein.
Sabine Dreher in:  2006/ Nr. 137 (17.06.2006)

 

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