Maulkorb für die Hinterbliebenen

Joseph Martin Kraus (6):
Ausgerechnet sein Biograf lässt Kraus in Vergessenheit geraten

Joseph Martin Kraus (1756 - 1792)»Kraus war der erste Mann von Genie, den ich gekannt habe«, sagte der Komponist Joseph Haydn über Joseph Martin Kraus. »Seine Symphonie in c-Moll ist ein Werk, welches in allen Jahrhunderten als ein Meisterstück gelten wird.« Die heutige Fachwelt hat dem nichts entgegenzusetzen. Doch wie der Musiker aus dem Odenwald trotzdem in Vergessenheit geriet, ist Gegenstand des sechsten Teils unserer Serie.
Moment - Vergessenheit? »Kraus wurde in Deutschland nie vergessen«, widerspricht der Buchener Historiker Helmut Brosch. »Er war nie bekannt gewesen.«
Außer ein paar kurzen Einträgen in Musiklexika zeugte nichts von seiner Existenz. Das lag vor allem an dem Komponisten selbst. Das, was man heute Selbstmarketing nennt, war nicht Kraus' Sache. Er wollte und brauchte auch keine Werbung für sich zu machen.
Gelegenheiten dazu hätte genug gehabt. Auf seiner Reise durch Europa lernte Kraus jede Menge Musiker, Komponisten, Mäzene und Verleger kennen. »Er konnte nicht begreifen, dass ich mich auf meiner Reise nicht mit einem Vorrat von Musikalien versorgt habe, um sie an den Mann zu bringen«, berichtete Kraus über seine Begegnung mit Haydn.
Doch warum kümmerte sich der Musiker nicht um die Veröffentlichung seiner Kompositionen? Gerade einmal sechs Quartette wurden zu seinen Lebzeiten in Deutschland gedruckt. »Seine Musik hat so eine intime Aussage, dass Kraus vielleicht nicht wollte, dass Musiker seine Werke in die Hände bekommen, die sie nicht verstehen«, vermutet der Hamburger Musik-Professor Gerhart Darmstadt, Präsident der Internationalen Joseph-Martin-Kraus-Gesellschaft Buchen.
Zudem gab Kraus keine Konzerte, die ihm als hervorragendem Pianisten hätten Orden und Titel einbringen können. Doch er hatte es nicht nötig. Anders als zum Beispiel Mozart hatte Kraus eine gut bezahlte Anstellung als Hofkapellmeister, erklärt Darmstadt. Die Musiker kamen zu ihm, um vorzuspielen.
Dass auch lange nach seinem Tod im Jahr 1792 niemand in Deutschland etwas von Kraus erfuhr, hat ausgerechnet sein Biografen verschuldet. Bereits um 1800 machte sich der schwedische Diplomat Frederik Samuel Silverstolpe daran, Material für ein Buch über den Hofkapellmeister zusammen zu stellen.
Der Musikfreund und Verehrer von Kraus' Musik legte einigen Fleiß an den Tag: Er bereiste die Städte, die Kraus während seiner Europareise besucht hatte und sprach mit Zeitzeugen wie Haydn und Gluck. Auch bei Kraus' Familie in Amorbach wurde Silverstolpe vorstellig. Ein verhängnisvoller Besuch: Der Schwede nahm von Joseph Martins Eltern und Geschwistern nicht nur Auskünfte mit, sondern auch Noten, Briefe - und das alleinige Recht an einer Biografie über Kraus. Keinem sollten sie von dem geplanten Buch erzählen, drängte Silverstolpe die Verwandtschaft, »vorzüglich nichts an Gelehrte Ihres Landes«. Als Gegenleistung versprach er, die Biografie rechtzeitig auf schwedisch und auch auf deutsch zu veröffentlichen.
Dazu ist es aber nicht gekommen. Vielleicht geriet Silverstolpe in finanzielle Probleme, als Schweden nach den napoleonischen Kriegen in eine Wirtschaftskrise geriet, vermutet der Historiker Brosch. Erst 1833 erschien die Kraus-Biografie in Schweden, eine deutsche Übersetzung wurde bis heute nicht veröffentlicht.
Vielleicht hätten wir bis heute nichts von Joseph Martin Kraus gehört - wenn nicht vor fast hundert Jahren sein Urgroßneffe Karlheinz Schreiber durch einen Zufall von ihm erfahren hätte. Er trug alles zusammen, was er von seinem Vorfahren finden konnte. Von dieser Arbeit profitieren Musikfreunde noch heute.
Sabine Dreher in: 2006/Nr. 149 (01./ 02. 2006)

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