Von der Leihgabe zum Erbstück

Joseph Martin Kraus (10):

Die Familie Krauß bewahrt noch Andenken an den Musiker 

Joseph Martin Kraus (1756 - 1792)Als Joseph Martin Kraus im Alter von 36 Jahren starb, hinterließ er keine Nachkommen. Die Erben seiner Geschwister halten allerdings bis heute sein Andenken in Ehren. Von den - nicht ganz direkten - Nachfahren des Komponisten aus Miltenberg handelt der zehnte Teil unserer Serie.
Dass es einmal einen Musiker in ihrer Familie gegeben hatte, war den Kindern und Kindeskindern von Kraus' Geschwistern immer bekannt, viele hören regelmäßig Aufnahmen mit Werken des Komponisten. »Das ist eine Art Familientradition«, erklärt die Münchenerin Lore Conradi. Sie gehört zu den Nachfahren von Alois Kraus, dem jüngsten Bruder des Komponisten.
Auf den ersten Blick haben sie mit dem schwedischen Hofkapellmeister nicht mehr viel gemeinsam. Aus dem Familiennamen »Kraus« ist längst »Krauß« geworden, und die meisten der Verwandten des gläubigen Katholiken Joseph Martin sind evangelisch, berichtet Conradi.
Doch Einiges ist geblieben. Der Siegelring zum Beispiel, den Kraus mehrmals hatte im Pfandhaus hinterlegen müssen und der jetzt in der Familie Krauß weitervererbt wird. Oder das Bild von Joseph Martins Nichte, das heute in Conradis Wohnung hängt. Und natürlich das berühmte Porträt, das den jungen Musiker als Erfurter Student mit einem Bierglas vor einem Stapel Noten zeigt. Das hat die Familie sogar schon der schwedischen Musikadademie in Stockholm geborgt, die Joseph Martin Kraus einst geleitet hatte. Die Akademie in Schweden konnte so eine Reproduktion von dem Werk anfertigen.
Was ihr verstorbener Verwandter tatsächlich geleistet hatte, war der Familie lange Zeit nicht bekannt, vermutet der Buchener Experte Helmut Brosch. Die Werke des Komponisten waren zwar Bestandteil der Kraußschen Hausmusik. Allerdings hätten einige Mitglieder zunächst gezögert, ihrem entfernten Verwandten Karlheinz Schreiber in den 20er Jahren bei seinen Recherchen über den Komponisten zu unterstützen, berichtet Brosch. »Sie haben Kraus nicht so recht getraut und befürchtet, ihr Familienname würde verhunzt.«
Das hat sich inzwischen geändert. 1977 kamen die Nachfahren des Kraus-Bruders Alois in Buchen zur Eröffnung des Kraus-Zimmers im Bezirksmuseum zu einem großen Familientreffen in Buchen zusammen. Viele erfuhren erst dort, bei einem Vortrag Broschs, Details über das Leben und Schaffen ihres Verwandten.
Zu diesem Anlass hatte der Metallbildhauer Bernhard Krauß, Lore Conradis Bruder, die Statue eines kleinen Flötenspielers entworfen, der seither den Kraus-Brunnen in Buchen ziert. Sein Bruder Michael gestaltete ebenfalls einen Brunnen in der Stadt.
Eine musische Begabung gibt es bei den Kraußens also doch, oder? Lore Conradi winkt ab: »Künstler hat es in unserer Familie seither nicht mehr gegeben.« Herausragende Musiker auch nicht, sagt sie: »Ich spiele selbst nur Zieharmonika.«

Sabine Dreher in:  2006/ Nr. 161 (15./ 16. 07. 2006)

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