Zum Abschied gibt's ein Schmankerl

Joseph Martin Kraus (11):
Erste Kraus-Devotionalien in Miltenberg -
Mehrheit der Geschäftsleute bleibt skeptisch
 

Kaum hat die Stadt Miltenberg den Komponisten Joseph Martin Kraus zu dessen 250. Geburtstag für sich entdeckt, gibt es auch schon die ersten Devotionalien. So richtig Kasse machen lässt sich mit dem Sohn der Stadt allerdings nicht, vermuten Ladenbesitzer vor Ort. Was heutige Besucher Miltenbergs von Kraus mit nach Hause nehmen können, beschreibt der letzte Teil unserer Serie.
Bereits vor dem runden Geburtstag des in Miltenberg geborenen Komponisten war für Bürgermeister Joachim Bieber klar: Zu Ehren des Musikers sollte es nicht nur musikalische Schmankerl, sondern auch etwas Feines für den Gaumen geben. Im vergangenen September schlug er Weingutbesitzer Hans-Hermann Knapp vor, ein gutes Tröpfchen für diesen Anlass anzubieten. Knapp widmete Kraus eine Sonderabfüllung 2003er Weißburgunder-Spätlese der Lage »Miltenberger Steingrübler«.
Der Wein passe gut zu dem Komponisten, findet Knapp: Schließlich sei er gehaltvoll und stofflich, besitze aber auch Leichtigkeit und Frische. Das Kraus-Souvenir im Bocksbeutel komme bei seinen Kunden gut an, berichtet der Winzer. Sogar Käufern aus dem Münchener und Stuttgarter Raum sei Kraus ein Begriff - »das hat mich überrascht.«

Hitze-resistente Nascherei
Rechtzeitig zum Geburtstagsfest für den Komponisten im Juni hat die Konditorei Sell Kraus zu Ehren eine Pralinenmischung auf den Markt gebracht. Die quadratische Kraus-Praline besteht aus je einer Schicht Mandelnougat und Pistazien-Marzipan, umhüllt mit Schokolade - ein Schelm, wer da spontan an die Mozartkugel denkt.
Die berühmte Konfektkugel aus Salzburg sei keineswegs Vorbild gewesen, versichert Sell-Seniorchefin Erika Berberich. Vielmehr sei es darum gegangen, ein weniger hitzeempfindliches Produkt zu kreieren - Kraus-Sahnetrüffel im Hochsommer seien eben undenkbar. So ganz sicher, dass Besucher die mit einem Notenschlüssel verzierte Leckerei mit der Stadt Miltenberg in Verbindung bringen , scheinen sich die Konditoren indes nicht zu sein. Sie bieten die Kraus-Praline im Set an mit einem Mandelnougat-Konfekt, das das Wappen der Stadt auf einem weißen Schokoladendeckel trägt.
Auch andere Miltenberger Geschäftsleute sind skeptisch, dass Fremde über den großen Sohn der Stadt im Bilde sind. Weitere Kraus-Devotionalien wird es in absehbarer Zeit daher wohl nicht geben. Zwar sei bereits ein Hersteller mit T-Shirts mit dem Abbild des Komponisten hausieren gegangen, doch die Ladenbesitzer rund um den Marktplatz, wo nun die neue Kraus-Statue an den Musiker erinnert, winkten ab.
»Zu riskant«, sagt Souvenir-Händlerin Barbara Ackermann: »Die meisten Touristen können mit ihm nichts anfangen.« Auf der Karte von Quinto Cardella, der seine Eiscafé-Tische um die Statue platziert hat, wird so schnell auch kein Kraus-Eisbecher zu finden sein: »Ich weiß ja nicht, was ihm geschmeckt hätte.«
Jürgen Scheurich vom Weinhaus am Alten Markt könnte sich eine Kraus-Platte in seinem Angebot zwar vorstellen, sieht dann aber sich und seine Angestellten in Erklärungsnot: Sie wären wahrscheinlich zu sehr damit beschäftigt, den Gästen etwas über den Komponisten zu berichten - der Service würde darunter leiden, befürchtet der Gastronom.
An die Statue geschmiegt
Vielleicht wird sich das in einigen Monaten oder Jahren ändern. Denn zur Kenntnis nehmen die Passanten den bronzenen Kraus durchaus, haben die Marktplatz-Anlieger beobachtet. Nicht wenige Besucher schmiegen sich scherzhaft an die überlebensgroße Figur, lassen sich mit ihr fotografieren oder stecken ihr eine Tüte Eis in die Hand.
Ganz Neugierige fragen schon mal bei ihr im Laden nach, was es mit der Statue denn auf sich habe, berichtet Sylvia Müller, die im Kraus-Geburtshaus Mode und Accessoires verkauft. Sie hat sich für diese Fälle inzwischen vorbereitet - und einige Zeitungsberichte zum Kraus-Geburtstag bereit liegen.

Sabine Dreher in:  2006/ Nr. 164 (19.07.2006)

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