Auf der Jagd nach noch mehr Werken -
Das Miltenberger Museum versucht beständig, seine Sammlungen zu erwe

Hoch begabt, unverstanden, arm verstorben, längst vergessen - so brachte 1918 Gustav Pauli, Direktor der Kunsthalle Hamburg, Leben und Wirken Philipp Wirths (1808 bis 1878) auf den Punkt, als er das "Selbstproträt mit Zylinder" des in Miltenberg geborenen Künstlers erwarb. Ganz so schlecht ist es um Wirths postumes Erbe freilich nicht bestellt - zumindest in seiner Heimatstadt. Wie Wirths Andenken nach dessen Tod gepflegt wurde und noch wird, beschreibt der sechste und letzte Teil unserer Serie.
 
Überregional war Philipp Wirth in der Tat nicht bekannt. Experten wurden auf den Miltenberger Maler erst aufmerksam, nachdem vor etwa 100 Jahren im Münchener Kunsthandel vier von ihm erstellte Porträts aufgetaucht waren. Der Kunsthistoriker Karl Lilienfeld stellte Nachforschungen an und verfasste einige Fachtexte über die Arbeiten Wirths. Der Maler fand Erwähnung in einigen Fachbüchern und Nachschlagewerken - und geriet wieder in Vergessenheit. Zumindest außerhalb des bayerischen Untermains. In Miltenberg hingegen hatte Wirth seit jeher eine treue, wenn auch kleine Fangemeinde. Der Nachlass Wirths ging zunächst auf Emanuel Lindheimer über, der den verarmten Wirth in dessen letzten Lebensjahren aufgenommen haben soll.

Der Architekt und notorische Sammler Oskar Winterhelt übernahm den Nachlass und machte sich daran, die Werke zu ordnen - und, was fast noch wichtiger war: Er versah die Rückseiten der Skizzen und Gemälde mit Notizen über das Dargestellte. Dies sind heute beinahe die einzigen Quellen über die Werke Wirths. Zu seinen Lebzeiten vermachte Winterhelt einen Teil der Werke an das Miltenberger Museum. Nach seinem Tod 1958 bot seine Wittwe die restlichen Werke zum Verkauf an. Die Stadt Miltenberg lehnte ab - zu teuer. Ein entscheidender Fehler, findet der heutige Museumsleiter Hermann Neubert. Denn statt dessen schlug das Städtische Museum Aschaffenburg zu. Während die Miltenberger heute um die 180 Gemälde, Zeichnungen, Skizzen und Aquarelle von Philipp Wirth ihr Eigen nennen, besitzen die Aschaffenburger etwa das Dreifache.

Der Journalist Rudolf Vierengel widmete in den 1930er- und 1950er-Jahren mehrere Zeitungsbeiträge im "Boten vom Untermain" dem Künstler, Ende der 70er-Jahre schloss der Kunsthistoriker Wolfgang Kimpflinger seine fast 400-seitige Doktorarbeit über den "fränkischen Maler des 19. Jahrhunderts" ab. Zu dieser Zeit besannen sich auch die Miltenberger wieder mehr auf den Sohn der Stadt: 1978, hundert Jahre nach seinem Tod, widmete das Stadtmuseum eine Sonderausstellung dem Werk Philipp Wirths. 30 Jahre später, zum 200. Geburtstag des Künstlers, zeigt die Einrichtung abermals eine Sonderausstellung.

Eine zuverlässige Übersicht über die Werke Philipp Wirths wird es wohl nie geben, erklärt Museumsleiter Hermann Neubert. Noch heute tauchen bisher unbekannte Bilder des Malers auf. Zum Beispiel vor knapp drei Monaten: Ein Mann aus Weinheim habe sich beim Museum Miltenberg gemeldet, weil er fünf Ölskizzen, begonnene Porträts und Zeichnungen habe, berichtet Neubert. Von der geplanten Schau habe der Mann gar nichts gewusst. Die Einrichtung sammelt übrigens bis heute Werke von Wirth. Drei Skizzenbücher mit Entwürfen helfen, Gemälde und Zeichnungen als Bilder des Miltenberger Künstlers zu identifizieren. Die Neuerwerbungen stammen zumeist aus Familiennachlässen, aber auch in Auktionskatalogen ist Museumsleiter Neubert schon fündig geworden. Viele Häuser wenden sich auch direkt an das Miltenberger Museum, wenn sie einen "Wirth" veräußern möchten. Auf dem heutigen Kunstmarkt werden die Werke höchst unterschiedlich bewertet. Das liegt nicht zuletzt auch an deren Qualität, erklärt Neubert: Grafiken sind ab etwa 300 Euro zu haben. Das Selbstporträt mit Zylinder der Kunsthalle Hamburg, das als eines der besten Werke des Malers gilt, musste er für einen Wert von 35 000 Euro versichern, um es in der Miltenberger Ausstellung zeigen zu können. Das Bildnis, auf dem er sich als Porträtmaler darstellt, ist für 25 000 Euro versichert.

Sabine Dreher in:  2008/ Nr. 167 (19./ 20. 07.2008)
Erscheinungsdatum: 19.07.2008 - Copyright: © 1996-2008 Verlag und Druckerei Main-Echo GmbH & Co. KG
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