Finanzspritze aus der Stiftung
Wie der Hutmacher-Sohn vom Erbe Bischoffs profitierte

Mit einer sechswöchigen Sonderausstellung feiert die Stadt Miltenberg den 200. Geburtstag des Malers Philipp Kaspar Wirth. In einer Artikelserie wird unsere Zeitung über Leben und Wirken des Künstlers berichten. Die erste Folge beschäftigt sich mit den familiären Wurzeln des Porträt- und Landschaftsmalers - und wie er von der Verbindung seines Vaters zum Stiftungsgründer Philipp Joseph Bischoff profitierte.

Von wem der Philipp Wirth sein Talent geerbt hat, ist auf den ersten Blick nicht ersichtlich. In seiner Familie war er der erste Künstler, weiß der Miltenberger Historiker Wilhelm Otto Keller. Denn der Maler entstammt einer Handwerkerfamilie - allerdings einer gut situierten. Großvater Franz Thomas Wirth, ein Hutmacher, kam von dem Dörflein Stein am Kocher (heute Teil von Neuenstadt im Landkreis Heilbronn) nach Miltenberg. Er heiratete 1770 die Tochter von Johann Georg Neeb und übernahm später dessen Meisterbetrieb beim Staffelbrunnen in der Miltenberger Hauptstraße. Vater Michael Joseph Wirth war ebenfalls Hutmacher. Weil er zunächst Pfarrer hätte werden sollen, genoss er am Miltenberger Gymnasium und im Franziskanerkloster eine vielseitige Bildung. Dies war sicher mit ein Grund dafür, dass er 1808 zum Ratsschultheißen, also zum Bürgermeister der Stadt Miltenberg gewählt wurde - im selben Jahr übrigens, in dem Philipp Kaspar Wirth am 7. Juli zur Welt kam.

Vater Michael war eng mit dem wohlhabenden Philipp Joseph Bischoff befreundet. Dieser war zwar eigentlich Gerber von Beruf, hatte es aber durch Kreditgeschäfte zu beträchtlichem Reichtum gebracht. Als Bischoff 1817 kinderlos starb, vermachte er 75 000 Gulden der Stadt Miltenberg - heute wäre es eine Millionensumme. Laut Testament wurde Michael Wirth zum Verwalter des Bischoffs-Fonds ernannt. Er heiratete 1824 die Witwe Bischoffs. Glück für Philipp: Er profitierte Zeit seines Lebens vom Geld des Gönners. Zum einen, weil Vater Michael als Verwalter der Stiftung ein Jahressalär von 400 Gulden erhielt. Ein Dachdecker-Geselle verdiente zur selben Zeit jährlich 200 bis 250 Gulden. Zum anderen erhielt Philipp Wirth selbst regelmäßige Finanzspritzen von der Stiftung, die noch heute existiert. Für seine Ausbildung in Würzburg, München und Wien in den Jahren 1822 bis 1834 bezog er insgesamt 5550 Gulden aus Fondsmitteln, die er zum Teil allerdings zurückzahlen musste.

Nach einer erfolgreichen Karriere als Porträtmaler geriet Wirth in den späten 1840er-Jahren in eine Schaffenskrise. 1865 erhielt er noch einmal einen 275 Gulden schweren Auftrag vom Verwaltungsrat des Fonds, ein großformatiges Bild Bischoffs zu malen. Es gilt als nicht besonders gelungen, unter anderem sind die Lebensdaten Bischoffs falsch angegeben. Das Bild ist heute im Sitzungssaal des Miltenberger Rathauses zu sehen. 1869, im Alter von 61 Jahren, beantragte der inzwischen verarmte Künstler abermals finanzielle Unterstützung. Die Stiftung, die nun sein Halbbruder Joseph Anton leitete, gewährte ihm fünf Gulden pro Monat. Später bezahlte sie dem unverheirateten Wirth den Aufenthalt im Miltenberger Spital. Sogar nach seinem Tod am 18. Dezember 1878 profitierte Philipp Wirth vom Bischoff-Vermögen. Der Fonds kam für die Beerdigungskosten auf dem Laurentiusfriedhof auf. Dort fand der Maler seine letzte Ruhe im Familiengrab seines Bruders Carl Alexander.

Philipp Kaspar Wirth war übrigens nicht das einzige Familienmitglied, das im Laufe seines Lebens Rückschläge hinnehmen musste. Auch sein drei Jahre älterer Bruder Franz Joseph tat sich schwer, Fuß zu fassen. Er hatte sich in Würzburg als Kaufmann niedergelassen. Nach dem Tod seiner Frau verspielte er sein Vermögen und zog schließlich ins elterliche Haus in Miltenberg ein.

Die anderen Geschwister Wirths hatten ein glücklicheres Händchen: Sein Halbbruder Johann Anton betrieb zunächst bei Nürnberg eine Weinhandlung im größeren Stil, später übernahm er in Miltenberg die Fondsverwaltung und wurde schließlich wegen seines kommunalpolitischen Engagements zum Ehrenbürger Miltenbergs ernannt.  Philipps fünf Jahre jüngerer Bruder Carl Alexander betrieb als Buchbinder ein Geschäft im heutigen Haus Lachnit. In seiner Familie schließt sich der Kreis: Sein Sohn Philipp trug den selben Namen wie der Kunstmaler vom Schnatterloch und betätigte sich ebenfalls als Maler. Allerdings in einer anderen Dimension. Philipp Wirths Neffe veröffentlichte Ansichten der Stadt Miltenberg als Postkartenmotive - und machte die Sehenswürdigkeiten damit weltweit bekannt.
Sabine Dreher in:  2008/ Nr. 137 (14./ 15. 06.2008)
Erscheinungsdatum: 14.06.2008 - Copyright: © 1996-2008 Verlag und Druckerei Main-Echo GmbH & Co. KG

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