Hoffnunf ruht auf "neuer Kunst"
Auf den Spuren von Fox Talbot -
Wie der Porträtmaler zur Fotografie wechselte

Was macht ein Handwerker, dessen Kunst plötzlich schneller und günstiger von einer Maschine erledigt wird? Er könnte sich als Spezialist eine Nische suchen. Oder auf den Zug der neuen Technik aufspringen. Letzteres hat der Porträtist Philipp Wirth versucht, als Mitte des 19. Jahrhunderts die Fotografie aufkam. Von seinem Versuch, in Miltenberg das erste Studio Unterfrankens zu betreiben, handelt der vierte Teil unserer Serie.

Nachdem er seinen Plan aufgegeben hatte, in Paris als Maler Fuß zu fassen, ließ sich Philipp Wirth 1845 in Miltenberg nieder. Sein Atelier richtete er im Haus seines Vaters in der ehemaligen Amtskellerei am Schnatterloch ein. Allzu rosig scheinen die Geschäfte nicht gelaufen zu sein: Statt aufwendiger Ölporträts fertigte Wirth vor allem einfache Pastellbilder an. Ein Grund liegt sicher darin, dass durch die Unsicherheit im Vorfeld des Revolutionsjahres 1848 kaum einer in teure Bilder investieren wollte. Zum anderen hatte die Porträtmalerei ernste Konkurrenz bekommen: Die Fotografie.

Zwei Techniken waren bereits auf dem Markt: Die Daguerreotypie und das Negativ-Positiv-Verfahren nach Fox Talbot. Weil die Abzüge nach dem Talbot'schen Verfahren kontrastarm und unscharf waren, mussten sie von Hand nachkoloriert werden, um ein einigermaßen zufriedenstellendes Ergebnis zu zeigen. Für einen Maler wie Philipp Wirth war das sicherlich kein Problem - vielleicht war dies neben den günstigeren Herstellungskosten der Grund dafür, dass er sich um 1850 bemühte, eine Existenz als Fotograf aufzubauen.

Mit seinem Vorhaben stand er freilich nicht alleine da: Die ganze Familie stand hinter dem Projekt. So hatte Vater Michael Wirth Informationen zur Talbot'schen Technik zusammengetragen. Ihm versicherte Philipp in einem Brief: "Mit der neuen Kunst geht es recht gut. Wenn ich einmal ungestörter und nicht so zerstreut sein werde, wird es günstig gelingen. (...) Franz kann sich freuen. Es ist die Photographie was Herrliches." Seinen älteren Bruder Franz Joseph wollte Wirth mit ins Boot holen. Denn das Unternehmen war wegen der teuren Ausstattung ein Wagnis: Kamera und Chemikalien besorgten sie sich aus Wien, Leipzig und Aschaffenburg.

Die Aufbruchstimmung der Wirth-Brüder scheint rasch verflogen zu sein. Zwar entstanden etliche Fotografien, die derzeit im Miltenberger Stadtmuseum ausgestellt sind. Doch bereits 1851 ist in Überlieferungen von Fotografie nicht mehr die Rede, das Projekt scheint eingestellt worden zu sein. Dabei waren Fotos durchaus gefragt - immer wieder machten Wanderfotografen in Miltenberg Station. Gut möglich, dass die Qualität der nach Talbot hergestellten Fotos zu schlecht war, um einen großen Kundenkreis davon zu überzeugen.

Das Vorhaben könnte auch an der mangelnden Geschäftstüchtigkeit der Wirth-Brüder gescheitert sein, vermutet der Miltenberger Historiker Wilhelm Otto Keller: Franz Josef war zwar gelernter Kaufmann, hatte aber nach dem Tod seiner Frau 1839 sein Vermögen in Bad Kissinger Spielbanken verprasst. Philipp Wirth scheint spätestens nach seiner Paris-Reise an nervlichen Problemen gelitten zu haben. Als Indiz für die Naivität der Brüder wertet Historiker Keller eine Anekdote, die sich einige Jahre später zugetragen haben soll: Die Brüder machten in Würzburg Bekanntschaft mit einem angeblich adeligen russischen Großgrundbesitzer und ließen sich nach Russland einladen. Mit einer Mietkutsche fuhren sie nach Tilsit - um dort zu erfahren, dass sie einem Schwindler aufgesessen waren.

Wirth arbeitete wieder als Maler. Ganz aufgegeben hat er die Fotografie allerdings nicht. Er benutzte bis in die Mitte der 1850er-Jahre Fotos als Vorlage für seine Porträts.
Sabine Dreher in:  2008/ Nr. 155 (05./ 06. 07.2008)
Erscheinungsdatum: 05.07.2008 - Copyright: © 1996-2008 Verlag und Druckerei Main-Echo GmbH & Co. KG
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