Ein Künstlerleben am Schnatterloch
Der Maler hat die Stadt Miltenberg und ihre Bewohner
auf zahlreichen Bildern verewigt

Wien, London, Paris - die Verbundenheit Philipp Wirths zu seiner Heimatstadt Miltenberg bedeutet nicht, dass der Künstler nichts von der Welt gesehen hat. Der dritte Teil unserer Serie über den Porträt- und Landschaftsmaler, dem das Stadtmuseum Miltenberg derzeit eine Sonderausstellung widmet, beschäftigt sich mit den Reisen Wirths. Die meisten gaben ihm neue Inspiration für sein Schaffen. Seine letzte Reise nach Paris scheint dem Künstler hingegen schwer zugesetzt zu haben.

Bereits als 14-jähriger musste Philipp Wirth vorübergehend Abschied von Miltenberg nehmen: 1822 begann er in Würzburg eine Zeichenlehre bei dem Maler Sebastian Hesselbach. Der Unterricht bestand in erster Linie darin, Vorlagen abzuzeichnen. Vier Jahre später zog es ihn, wie viele junge Künstler seiner Zeit, nach München. Doch just als sich der 18-jährige an der Akademie einschrieb, wurde der Lehrstuhl für Landschaftsmalerei aufgegeben - jener Schwerpunkt, den Wirth außerdem für sich gewählt hatte. Statt dessen fand er im Münchener Kunstverein Gleichgesinnte und bildete sich in Eigenregie weiter. Immerhin vermittelte ihm die Akademie Grundlagen fürs Porträtmalen.

Im Mai 1829 reiste der 20-jährige Wirth, ausgestattet mit 4000 Gulden, von Miltenberg nach Wien, um sich an der dortigen Akademie weiterzubilden. Dort standen - im Gegensatz zu München - Porträt- als auch Landschaftsmalerei hoch im Kurs. Wirth blieb fünf Jahre. Landschaft ohne Menschen Als einer der ersten Maler im süddeutschen Raum begann er, in Landschaftsbildern realistische Abbildungen mit Licht- und Farbmalerei zu verbinden. Anregungen für Motive holte er sich bei zahlreichen Exkursionen in die Alpen. Im Gegensatz zu anderen Malern bildete er keine Personen in der Natur ab, sondern trennte strikt zwischen Bildnissen von Landschaft und Menschen.

Für seine Porträts nahm Wirth den Stil des Rubens-Schülers Anthonis van Dyck (1599 bis 1641) zum Vorbild, dessen Werke er abzeichnete, wann immer er Gelegenheit dazu bekam - und in dessen Stil er sich auch selbst porträtierte. Auch als er 1834 zum Abschluss seines Studiums nach England reiste, fertigte er in Windsor-Castle Skizzen mehrere van-Dyck-Porträts an. Die Fahrt hatte er als Begleiter des Miltenberger Kaufmanns Karl Franz Pedraglia unternommen, der Geschäftsverbindungen in London hatte.

Nach seinen Lehrjahren außerhalb des fränkischen Raums begann Wirth, sich in seiner Heimat als Porträtist zu etablieren. Neben Miltenberg hielt er sich auf der Suche nach Aufträgen immer wieder in Aschaffenburg, Wertheim und Würzburg auf. Dort scheint er sich im Lauf der Jahre einen guten Ruf erarbeitet zu haben: "Unser Landsmann, der tüchtige Porträtmaler Wirth, hat heute hiesige Stadt verlassen, um sich nach Paris zu begeben und dort längere Zeit der Kunst zu widmen", heißt es im November 1843 im "Würzburger Abendblatt"

Vielleicht war es die Routine der Porträtmalerei, vielleicht auch die Stellung Paris' im Kulturleben Europas, die den inzwischen 35-Jährigen erneut in die Ferne zog. Angezogen von der französischen Metropole mit dem Louvre, den Salonausstellungen und dem selbstbewussten, wohlhabenden - und damit auftragsfreudigen - Großbürgertum machte sich Philipp Wirth auf, um in Paris ein Atelier zu eröffnen. Krank und depressiv Lange hielt er sein Projekt nicht durch. Bereits im Sommer 1844, kein dreiviertel Jahr nach seiner Abreise, löste er das Atelier auf und kehrte nach Miltenberg zurück. Was genau mit Wirth geschehen war, ist nicht bekannt. Es schien ihn aber sehr mitgenommen zu haben. Als krank und depressiv beschreiben ihn seine Freunde in Briefen aus dieser Zeit; in einem nach der Reise gefertigten Selbstprorträt mit Zylinder wirkt sein Gesicht auffallend schmal.

Auch neue Anstöße für seine künstlerische Arbeit scheint er durch die Paris-Reise nicht bekommen zu haben - im Gegenteil: Ab Mitte der 1840er-Jahre ließ die Qualität seiner Werke eher nach. Grund genug für Philipp Wirth, sich einer neuen Herausforderung zu stellen. Die sah er in einer technischen Entwicklung, die für ihn als Porträtisten zugleich Chance und Gefahr darstellte: der Fotografie.
Sabine Dreher in:  2008/ Nr. 149 (28./ 29. 06.2008)
Erscheinungsdatum: 28.06.2008 - Copyright: © 1996-2008 Verlag und Druckerei Main-Echo GmbH & Co. KG
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