Zwischen Wahrheit und Romantik -
Der Künstler ließ sich von Trends seiner Zeit nicht beeindrucken

Philipp Wirth war keiner der ganz großen Maler seiner Zeit. Das hat der Kunsthistoriker Dr. Josef Kern in einem Vortrag über "Philipp Wirth im Kontext der Malerei des 19. Jahrhunderts" klar gestellt. Welche zeitgenössischen Strömungen die Malerei zu Wirths Lebzeiten bestimmten und wie der Künstler damit umging, ist zugleich Thema des fünften Teils unserer Serie.

Der 1808 in Miltenberg geborene Wirth gehörte zu den wichtigeren Malern des 19. Jahrhunderts, betonte Kern: "Ein respektabler Künstler, talentiert, neugierig, stets auf der Suche nach Vervollkommnung". Dennoch, oder gerade deshalb, schloss Wirth sich keiner der vorherrschenden Schulen der Malerei an. Dazu gehörte zunächst die Historienmalerei, die als höchste Stufe der Kunst galt und die auch an den Akademien in München und Wien gelehrt wurden - jenen Einrichtungen, in denen auch Philipp Wirth sich als junger Erwachsener eingeschrieben hatte. Monumentale Bilder galten als probates Mittel, geschichtliche Ereignisse - und deren politische Deutung - der Öffentlichkeit zu vermitteln. Wirth hingegen hat die Geschichtsmalerei nicht gereizt, stellte der Kunsthistoriker Kern fest: "Wo hätte er sie denn ausüben können? In unseren fränkischen Schlössern, Burgen und Rathäusern wurde darauf verzichtet."

Dennoch war Philipp Wirth kein Mensch, der unbedingt modern sein wollte, betonte Kern. Sonst hätte er die Malerkolonie in dem französischen Dörflein Barbizon nicht völlig ignoriert. Die Künstler von Barbizon gelten heute als Wegbereiter des Impressionismus. Im 19. Jahrhundert beeinflussten sie die Landschaftsmalerei in ganz Europa - und gerade die war neben der Porträtmalerei Steckenpferd des gebürtigen Miltenbergers. "Wirth hat herausragende Kenntnisse von der Entwicklung der Landschaftsmalerei besessen und die Werke seiner Zeitgenossen genau analysiert", war sich Kern sicher. 
 

Der Künstler fand sich zwischen zwei gegensätzlichen Strömungen wieder: Die eine versuchte, die vorgefundene Wirklichkeit abzubilden; die andere versuchte, einen persönlichen Eindruck der Wirklichkeit sowie Stimmungen wiederzugeben. Der Miltenberger hingegen verband den realistischen Naturausschnitt mit stimmungsvoller Gestaltung von Farbe und Licht. Damit, betonte Kern, reagierte er auch bewusst auf vorherrschende Stile der Romantik. Erst gegen Ende seiner Karriere wurden Wirths Werke romantischer: Es entstanden Bilder mit märchenhaftem Charakter und symbolisch aufgeladenen Inhalten, wie man sie etwa von Caspar David Friedrich kennt.

Was wäre wohl gewesen, wenn sich Wirth intensiver seinen Zeitgenossen gewidmet hätte und in den einen oder anderen Fußstapfen getreten wäre? Hätte er dann mehr Erfolg gehabt? Diese Frage stellt sich für Kern nicht. "Es wäre falsch und besserwisserisch", befand der Experte. Wirth konnte und wollte nicht einer bestimmten Schule nacheifern. "Er war ein Kind seiner Zeit, vielleicht auch ein schwieriger Mensch", erklärte Kern den Abstieg des Miltenberger Künstlers. Und schließlich musste er sich nach den Wünschen seiner Kunden richten, die überwiegend aus dem Bürgertum stammten. Der Adel hingegen ließ sich von regionalen Größen wie Louis Ferdinand von Rayski porträtieren. Wer genügend Geld hatte, schaute sich in Frankfurt nach Kunstwerken um. "An solche Auftraggeber kam der Bürgerliche Philipp Wirth nur in geringem Maße heran", so Kern.

Gut möglich, dass Wirth mehr hochwertige Werke erstellt hätte, wenn er entsprechende Honorare erhalten oder ein anspruchsvoller Kundenkreis dadrauf bestanden hätte. Einige herausragende Gemälde zeugen von seinem Potenzial. Für Kern bildete Wirth das Paradebeispiel eines unverstandenen Biedermeier-Künstlers: "Die neuen Kunden wollten Bilder, keine Bildnisse - und keine Kunst." 

Sabine Dreher in:  2008/ Nr. 161 (12./ 13. 07.2008)
Erscheinungsdatum: 12.07.2008 - Copyright: © 1996-2008 Verlag und Druckerei Main-Echo GmbH & Co. KG
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